Der dunkle Teil des Hauses

Im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr vorstellbar, aber noch vor weniger als 50 Jahren war der befohlene Gang in den Keller eine kleine Strafe. Wurde doch bei persönlichem Fehlverhalten eines Kindes mit dem „schwarzen Mann“ gedroht, der im Keller sich versteckt und Kinder frisst!

 

Nun, unser Erziehungsverhalten hat sich verändert, der Keller hat seinen Schrecken verloren; dazu aber auch seine Geheimnisse und Unwägbarkeiten. Keine allgemeine Gefahr geht mehr von ihm aus, er ist, wenn wir den Lichtschalter betätigen, hell erleuchtet. Katzen oder Igel, geschweige denn die unangenehmen Haustiere mit den unbehaarten Schwänzen, treffen wir nicht mehr an.

 

Wie anders war es doch noch vor zwei, drei Generationen. Lebenswichtig war der Keller; sein Inhalt sicherte das Überleben in der langen Zeit des Winters, wo es draußen, abgesehen von Grünkohl oder, wenn schon eingeführt und kultiviert, der Porree. Aber der ist in Westfalen schon seit dem Mittelalter bekannt. Alle anderen Lebensmittel wurden im Keller eingelagert. Und Licht benötigten die Ernten nicht, denn sie durften nicht zum Wachstum angeregt werden. Darum waren in Kellern mit dem Einzug der Elektrizität gerade immer nur die schwächsten Leuchtmittel verbaut damit, wenn man vergaß sie zu löschen, kein Schaden am Erntegut angerichtet wurde.

 

Heute, wo jederzeit der Gang in den Laden uns mit Allem versorgt, uns aber auch das Geld aus der Tasche nimmt, ist ein Vorrat im Keller nicht mehr nötig. Oder doch, wenn gerade einmal irgendeine Wetterkapriole den Strom kappt und sämtliche Kühlanlagen ausfallen?  Die Sorge um das bare Geld war früher eher größer als heute, alles was selbst geerntet und gelagert werden konnte, kostete nur die Arbeitskraft und Mühe, aber auch die Freude der Ernte und des Besitzes.

 

Kartoffeln und Äpfel überstehen die Stromunterbrechung, Waren in der Gefriertruhe und im Kühlschrank bleiben aber dann schon auf der Strecke. Der Keller kannte im Ursprung keine Beleuchtung und wurde, da die Fenster zur besseren Temperaturregelung ohnehin sehr klein waren, nur mit einem Licht oder einer Laterne aufgesucht. Aber bitte, nicht eine jede Person wurde an den Vorrat gelassen, die Hausfrau wusste genau, wieviel und welches Fleisch in der Salzlake lag und die Anzahl der Gläser oder Steintöpfe mit Obst oder Gemüse waren ihr genau bekannt. Sie wusste um den Stand im Sauerkrautfass und der sauren Bohnen ebenso gut Bescheid als um die Menge des gelagerten Bieres. Damit war der Keller zum Überleben im Winter lebenswichtig, der Zugang zum Keller innerhalb des Hauses gut verschlossen und der Schlüssel bei der Hausfrau verwahrt. Und von außen gab es schon überhaupt keinen Zugang; Einbrecher und Diebe mussten sich durch die vergitterten Fenster zwängen! Und die Gitterstäbe sind so eng beieinander, dass selbst eine Katze nicht hindurchpasst.

 

Wer kennt es denn noch, das im Oktober die Kartoffeln im Keller zentnerweise in die Kartoffelkiste gebracht wurden, die Möhren und Rote Beete in Sand sorgsam eingelagert und die Steckrüben, die von dem Viehfutter man stibitzte, sorgsam äußerlich trocken zu einem Haufen gelegt und mit Stroh zu gedeckt wurden.

 

Und der Stolz der Hausfrau, die Regale, gut gefüllt mit Allem, was sie aus dem Garten einzuwintern wusste. Die Beeren der Sträucher zu Saft oder Marmelade, die Erdbeeren in kleinen Gläsern eingekocht, oder man sagte auch „eingeweckt“ und wies damit auf den damals führenden Hersteller von Einkochgläsern hin.

 

Und warum sprach ich zu Beginn von „schwarzen Mann“? Nein, nicht der glücksbringende  Schornsteinfeger ist damit gemeint. Man schützte Wertvolles mit Geistern und Dämonen! Wurde also ein Kind zu einer Besorgung in den Keller geschickt, sollte es eine Ehrfurcht vor der dort gelagerten Ware, dem Wert des Gartens empfinden.

 

Saat und Ernte waren und sind noch immer Menschenwerk, dazwischen aber liegt das Gelingen der Arbeit und der Schutz vor Hunger und Not bei nicht beeinflussbaren Kräften der Natur. Ein Hagelschlag oder ein Gewitter, ein Feuer oder eine Seuche beim Vieh und Haus und Hof litten große Not, in der Stadt, die sich schon früh wegen fehlender Fläche in die Abhängigkeit der umliegenden Bauern begeben hatte, aber auch direkt auf dem Land, wo schnell das Elend Einzug hielt.

 

Was aber nun den Keller zum besten Lagerraum für Lebensmittel macht, haben wir noch nicht erörtert. Jeder Bauherr ist heute froh, wenn sein Keller warm und trocken ist. Und damit fällt er als Lagerraum für Lebensmittel, es sei denn sie liegen erfroren in der Gefriertruhe, welcher aber diese warme Umgebung auch nicht behagt, aus. Die Keller in Altbauten, oder wie hier in Bauernhäusern, nahmen die Bodenfeuchtigkeit auf, entweder, weil der Fußboden nur aus gestampftem Lehm bestand oder einfache Ziegelsteine, eben gebrannter Lehm, als Fußboden dienten. So konnte die Bodenfeuchtigkeit aufsteigen und an der Oberfläche verdunsten. Dieser Vorgang wird in der Physik als „Verdunstungskälte“ beschrieben und ist von jedem Waldbesucher im Sommer zu spüren, wenn er aus der Sonne in den Schatten des Waldes tritt. Hier umfängt ihn die Verdunstungskälte der Bäume, bei Laubbäumen mehr, bei Nadelbäumen weniger.

 

Für die Aufbewahrung der Nahrungsmittel war eben nicht nur die geringe Temperatur im Keller, sondern auch die erhöhte Luftfeuchtigkeit dort. Nach Westen, dort wo der Wind zumeist herkommt, keine Fenster, dafür in die drei anderen Himmelsrichtungen; dabei aber so wenig als möglich nach Süden. Verschlossen wurden die Fenster nur bei wirklich strengem Frost. Hier genügte dann ein Sack mit Stroh zur Regulierung. Die Kellerwände waren immer massiv gebaut, trugen doch sie die Last des Hauses. Isolierungen, weder von außen noch von innen, wurden angebracht; nein, diese waren noch nicht einmal erfunden. Und die durch den Volksgeist wabernde aufsteigende Feuchte gibt es bis heute nicht. Aber das ist ein Thema, mit dem Architekten bis heute sehr gutes Geld verdienen: beseitigen was es gar nicht gibt. Die Kellerdecke bildet den Fußboden des Erdgeschosses. Dies je nach Konstruktion mehr oder weniger direkt. Hier im beschriebenen Hofgebäude haben wir eine „preußische Kappendecke“ vorliegen, die nur indirekt den über ihr liegenden Fußboden trägt.

 

Immer satt ist ein fast unbezahlbarer Luxus.

 

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